Populär und falsch: Subjekt–Verb–Objekt

Wahrscheinlich gibt es in jeder Disziplin populäre Falschheiten, die sich hartnäckig halten. Die Überzeugung, dass man von Kälte an sich eine Erkältung bekommen kann (und nicht etwa nur durch Viren oder Bakterien), ist wohl so ein Fall. Und neulich meinte ein (an sich allgemein gebildeter) Bekannter zu mir, dass Licht ja wohl doppelte Lichtgeschwindigkeit haben müsse, wenn es in Flugrichtung von einem lichtschnellen Fluggerät ausgesendet würde. Dass sich Geschwindigkeiten addieren, kann man sich ja an fünf Alltagsfingern abzählen… Alles falsch! Sicherlich können Wissenschaftler sich auch langfristig irren, aber manche Ergebnisse sind eben theoretisch und empirisch verdammt gut abgesichert. Etwas weniger Tragweite als Epidemien und die Lichtgeschwindigkeit hat die Frage, wie sich Wörter im deutschen Satz aufreihen. Aber falsch ist auch hier falsch.

1. SVO – Behauptet das überhaupt jemand?

Besonders ungern hört man als germanistischer Grammatiker oder Linguist, dass das Deutsche eine Satzstellung oder Wortstellung vom Typ Subjekt–Verb–Objekt (kurz: SVO) oder (oft gleichbedeutend gemeint) Subjekt–Prädikat–Objekt habe. Darauf, dass es hier sowieso statt Satzstellung oder Wortstellung eigentlich Konstituentenstellung heißen müsste, weil weder Sätze noch Wörter, sondern bestimmte Wortgruppen (Konstituenten) gestellt werden, gehe ich zu anderer Zeit ein. Hier geht es nur um die SVO-Idee.

Eine aufwändigere Version der Aussage, das Deutsche habe eine SVO-Grundstellung, steht momentan z.B. hier: Wikipedia, Deutsche Grammatik (1. Mai 2015) zum Thema Satzbau. Ich zitiere mal, wobei man beachten muss, dass das angeblich die allgemeine Reihenfolge in Hauptsätzen (und vor Nebensätzen [Hä?]) sein soll:

1. Satzbauplan – Hauptsatz

Der 1. Satzbauplan hat die Reihenfolge

Subjekt – finitives Prädikat – indirektes Objekt – direktes Objekt – Adverbien – Prädikatrest
Die Satzverneinung steht vor dem Prädikatrest.

Beispiel: „der Verkäufer – hatte – seinem Kunden – das Buch – gestern – in seinem Laden – (nicht) – gegeben.“

Häufige Abweichungen:

  • Das Zeitadverb steht vor dem direkten Objekt.
  • Eine Umstellung von indirektem und direktem Objekt bewirkt eine leichte Betonung des indirekten Objekts.

Das 1. Satzbauplan steht in Hauptsätzen und vor Nebensätzen.

2. Einfache und nicht einfache Sätze

Was ist daran falsch? Immerhin stimmt es doch, dass einfache Sätze SVO zeigen, z.B. (1) und (2). Alles andere kann man dann ja bestimmt als Abweichung davon beschreiben.

(1) Ich esse ein Eis.
(2) Die Frau liest das interessante Buch.

Ich und die Frau sind vom Verb abhängige Nominative und damit Subjekte [EGBD: 401–404]. Außerdem sind esse und liest finite Verben (vulgo die Satzprädikate) [EGBD: 273–278, 398–399]. Schließlich sind ein Eis und das interessante Buch vom Verb abhängige Akkusative und damit (direkte) Objekte [EGBD: 414–415]. Prima, Deutsch hat in einfachen Sätzen ganz typisch eine SVO-Stellung. Fertig! Bewiesen! Nachtisch!

Naja. Das sind bestimmt nach irgendeiner Definition (aber welcher?) einfache Sätze. Aber wer sagt uns eigentlich, dass es die einfachen Sätze schlechthin sind? Genauso einfach sind die Sätze (3)–(5). Oder nicht?

(3) Morgen kauft Michelle eine Corvette.
(4) Mir reichen zwei Autos.
(5) Reiten kann eigentlich jeder.

In (3) steht das Adverbial morgen vor dem finiten Verb, in (4) das (indirekte) Objekt mir und in (5) das, was der Wikipedia-Autor Prädikatsrest nennt, nämlich das infinite Verb reiten. Mit einfach oder nicht einfach hat das alles nichts zu tun. Die Kriterien, die (1) und (2) als einfach definieren, aber (3)–(5) als nicht einfach, möchte ich jedenfalls erstmal sehen.

3. „Häufige Abweichungen“

Der Wikipedia-Autor gibt dann noch zu bedenken, dass es zwei(!) häufige Abweichungen gebe. Diese zwei angeblichen Abweichungen sind offensichtlich völlig willkürlich ausgewählt. Und was heißt denn hier überhaupt häufig? Intuitive Aussagen über Frequenzen kann man komplett sein lassen, weil man mit dem häufigen Fall meistens einfach den meint, der einem als erstes einfällt, oder den man für den typischen hält. Da wir fast alle in der Schule Grammatikunterricht hatten, haben vielleicht viele von uns schon früh falsch gelernt, dass Hauptsätze SVO-Stellung haben. Dann ist es kein Wunder, dass man das für den häufigen Fall hält.

Wenn ich mir den ersten Absatz dieses Artikels ansehe, stehen folgende Wortgruppen vor dem finiten Verb:

  1. wahrscheinlich
  2. dass man von Kälte an sich eine Erkältung bekommen kann (und nicht etwa nur durch Viren oder Bakterien)
  3. und neulich
  4. dass sich Geschwindigkeiten addieren
  5. sicherlich
  6. etwas weniger Tragweite als Epidemien und die Lichtgeschwindigkeit
  7. aber falsch

Ich sehe keinen einzigen Nominativ, und als Subjektsatz [EGBD: 385–387, 401–404] gehen 2 und 4 durch. Zwei von sieben Sätze fangen also mit dem Subjekt an. Häufiger sind Adverbiale (1, 3, 5). In 6 handelt es sich um ein Objekt, und in 7 liegt eine Kopulastruktur vor, in der hier ein Adjektiv vor dem finiten Verb steht. Auch wenn dieser Absatz keine besonders große und zuverlässige Stichprobe ist, klingt er doch wahrscheinlich nicht, als würde er syntaktisch fast nur Abweichungen vom typischen und einfachen Fall enthalten.

4. Adverbien und die Negation

Warum die Adverbien (besser eigentlich: Adverbiale) immer nach den Objekten stehen sollen, ist völlig schleierhaft. Ist (6) etwa auch eine besondere Umstellung?

(6) Der Verkäufer hat in seinem Laden seinem Kunden das Buch gestern gegeben.

Auch die Negation (besser eigentlich: Negationspartikel) stellt sich nicht immer dahin, wo es der Wikipedia-Autor möchte.

(7) Der Verkäufer hat seinem Kunden nicht das Buch gegeben.
(8) Der Verkäufer hat nicht seinem Kunden das Buch gegeben.

Die Sätze (7) und (8) zeigen eventuell tatsächlich nicht den typischsten oder häufigsten Fall. Aber sind sie nicht auch erwähnenswerte Varianten, vor allem weil sie mit einem interessanten Bedeutungseffekt einhergehen? Der Punkt ist hier nämlich, dass die Negationspartikel die Konstituente, die rechts von ihr steht – z.B. das Buch in 7 – fokussiert. Was das genau bedeutet, können wir hier nicht erschlagen. Man hört aber bei diesen Sätzen im Kopf schon förmlich eine Fortsetzung mit sondern. Im Fall von (7) kann man sowas wie sondern die Zeitschrift ergänzen und in (8) sowas wie sondern seiner Freundin. In beiden Fällen wird  auf jeden Fall implizit gesagt, dass der Verkäufer irgendjemandem irgendwas gegeben hat, was bei der Stellung vor dem infiniten Verb (also nicht gegeben) nicht der Fall ist. Das wird nur durch die Wortstellung (in der gesprochenen Sprache vielleicht noch durch besondere Betonungen) ausgelöst! Angesichts dessen wirkt der zitierte 1. Satzbauplan für Hauptsätze und vor Nebensätzen nicht nur falsch, sondern auch ein bisschen armselig.

5. Was ist denn nun richtig?

Deutsch wird zum Beispiel häufig als zugrundeliegende Verb-Letzt-Sprache mit Verb-Zweit-Effekten im unabhängigen Hauptsatz beschrieben. Ja… das ist jetzt eine gute Gelegenheit, Kapitel 12 aus EGBD zu lesen. Vor allem auf die zugrundeliegende Verb-Letzt-Stellung (wie in eingeleiteten Nebensätze) gehe ich jetzt nicht ein. Es gibt außerdem auch Ansätze, wo diese gar nicht als zugrundeliegend angesehen wird.

Im sogenannten Hauptsatz ist die Sache aber ziemlich klar. Erst kommt irgendein Satzglied bzw. irgendeine Konstituente, dann das finite Verb. Am Ende des Hauptsatzes stehen die infiniten Verben (9) und (10) und/oder die Verbalpartikeln [EGBD: 203–204, 208, 376] (11). Das finite Verb und die infiniten Verben bilden die sogenannte Satzklammer. Für die Reihenfolge der Phrasen in der Satzklammer gibt es zwar komplizierte semantische und pragmatische Bedingungen, aber als Ausgangspunkt kann man eigentlich sagen, dass da unter den richtigen Bedingungen fast alles geht. In (9)–(11) ist die Satzklammer fett markiert.

(9) Gestern hat Michelle der Freundin eine Corvette bei ihrem Händler gekauft.
(10) Gestern hat bei ihrem Händler Michelle der Freundin eine Corvette gekauft.
(11) Verglichen mit 2014 fiel Ronnie O’Sullivans Leistung deutlich ab.

Schade eigentlich, dass der Wikipedia-Artikel so schlecht ist. Der Kram zur Inversion, der dann noch kommt, ist einfach nur haarsträubend. Ich investiere da vielleicht mal ein bisschen Zeit. Es hat ja auch keinen Sinn, von seinen Uni-Büros aus immer über Wikipedia zu meckern statt die faktische Primärquelle für Informationen aller Art en gros und en detail anzuerkennen und zu verbessern, wo es geht.

Zur Weiterverfolgung: Besonders lehrreich ist es, einfach mal Zeitungsartikel, Bücher oder Dialoge (z.B. irgendeine Talkshow auf Youtube) darauf zu untersuchen, was denn genau im Vorfeld steht. Das ist generell ein guter Test, wie es eigentlich um die eigenen Fähigkeiten in grammatischer Analyse steht.

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