Von welchem Planet kommen die schwachen Substantive?

Die schwachen Substantive wie Linguist, Planet, Mensch, Bär usw. habe ich in der ersten Auflage des Buches (kurz EGBD) in Abschnitt 8.2.4 und in Vertiefung 9 auf S. 231 kurz behandelt. Hier gehe ich etwas tiefer unter Verwendung aktueller Forschungsergebnisse aus einem Artikel von mir (neu eingereicht nach Überarbeitung) auf das Thema ein. Es gibt bei diesen Substantiven gelegentlich Unsicherheiten in der Flexion (dem Linguist oder dem Linguisten ?). Wie und warum?

1. Warum sind die schwachen Substantive auffällig?

Das Paradigma der schwachen Substantive ist vor allem im Singular auffällig. Alle Kasus und der Plural werden dort durch -en markiert:

SingularPlural
NominativLinguistLinguist-en
AkkusativLinguist-enLinguist-en
DativLinguist-enLinguist-en
GenitivLinguist-enLinguist-en

Die schwachen Substantive bilden eine sehr kleine Klasse von ca. 450 Wörtern, wohingegen es Tausende von starken (und sogenannten gemischten) maskulinen Substantiven gibt. Die Flexion aller anderen deutschen Substantive (außer den schwachen) ist dabei ja sehr einfach und einheitlich organisiert. Man muss im Prinzip nur das Genus und das Plural-Suffix für ein Substantiv kennen. Beim Maskulinum und Neutrum ist das Plural-Suffix dabei meist -e, beim Femininum meist -en. Dazu gelten dann ausnahmslos drei Regeln:

  1. je nach Substantivklasse der Plural mit einem spezifischen Plural-Suffix markiert [EGBD]
  2. im Maskulinum und Neutrum der Genitiv Singular mit -(e)s markiert [EGBD]
  3. der Dativ Plural in allen Genera mit -(e)n markiert [EGBD]

Der Plural mit -en ist auch bei manchen anderen maskulinen Substantiven zu finden, nicht nur bei den schwachen. Andere Maskulina mit dem Pluralaffix -en sind die sogenannten gemischten Substantive wie Staat (Plural Staat-en). Für diese gelten aber trotzdem die drei oben genannten Regeln! Der schwache Genitiv verletzt also Regel 2. Außerdem haben alle Substantive (außer eben den schwachen) im Singular niemals ein Akkusativ- oder Dativ-Affix. Diese Formen sind sonst immer endungslos (dem Tisch, den Frühling usw.) .

Wegen dieser exotischen und seltenen Formen erstaunt es nun erstmal nicht, dass auch Erstsprecher des Deutschen die schwachen Substantive ab und zu stark machen und dem Linguist statt dem Linguist-en oder den Linguist statt den Linguist-en benutzen. Auch im Spiegel Online gehen auf welchem Planeten und auf welchem Planet mal innerhalb eines Artikels durcheinander. Schon ungewöhnlicher klingt für die meisten wahrscheinlich des Linguist-s statt des Linguist-en. Die Frage ist, warum die schwachen Substantive nicht im Laufe der Jahrhunderte komplett verschwunden sind und dem dominanten Flexionsmuster angepasst wurden – und warum nicht alle starken Formen schwacher Substantive gleich gut klingen. Gibt es vielleicht sogar neue schwache Substantive? Mal sehen…

2. Die Eigenschaften der schwachen Substantive: Prototypen

Köpcke (1995) hat bereits eine sehr intelligente Analyse zu den schwachen Substantiven vorgeschlagen. Er benutzt die Prototypentheorie. Diese Theorie (so wie im Ergebnis ähnliche Theorien) basiert auf der empirisch gestützten Erkenntnis, dass das Gehirn Objekte (einschließlich Wörter) anhand von Ähnlichkeiten in Kategorien einordnet. Innerhalb einer Kategorie gibt es dann Objekte, die mehr oder weniger prototypisch für diese Kategorie sind. Klassische Beispiele sind z.B. Trinkgefäße. Fast jeder hat wohl schon einmal vor einem Trinkgefäß gestanden und überlegt, ob es nun eher ein Becher, ein Pott (Suchanfrage geschummelt), eine Tasse, ein Glas, ein Krug, ein Humpen oder sonst ein Trinkgefäß ist. Manche Objekte sind sicherlich ganz prototypische Tassen, andere aber eben irgendwas zwischen Tass und Glas usw. Dabei kommt es dann ganz natürlich dazu, dass Gegenstände gleichzeitig (mehr oder weniger gut) in mehrere Kategorien eingeordnet werden. In der Praxis stört es uns kaum, wenn ein Gegenstand sowohl als Glas als auch als Tasse bezeichnet werden kann. Warum sollte das bei Wörtern oder syntaktischen Konstruktionen anders sein?

Die schwachen Substantive bilden nun nach Köpcke (1995) eine Kategorie, die durch semantische und phonologische Ähnlichkeiten zueinander sehr gut definiert ist. Diese Ähnlichkeiten lassen sich in Form von Merkmalen angeben, die dann besonders charakteristisch für ein prototypisches schwaches Substantiv sind. Zuerst einmal gibt es drei phonotaktisch und prosodisch definierte Gruppen von schwachen Substantiven (Akzent hier markiert durch den Akut auf dem Silbenvokal – also á, ó usw):

  1. mehrsilbige Wörter, die auf Schwa enden und auf der vorletzten Silbe betont werden (Matróse, Schimpánse), vor allem auch Herkunftsbezeichnungen wie Tschetschéne, Schwéde usw.
  2. mehrsilbige Wörter, die auf der letzten Silbe betont werden und durch charakteristische entlehnte Affixe gekennzeichnet sind (Artíst, Trabánt)
  3. einsilbige Wörter (Mensch, Bär)

Innerhalb dieser Gruppen kann man nun weiterhin unterscheiden nach Substantiven, die Menschen bezeichnen und solchen, die das nicht tun. Nach Köpcke (1995) sind dies schwachen Substantive, die Menschen bezeichnen, dabei die prototypischeren. Die meisten (aber eben längst nicht alle) schwachen Substantive bezeichnen in der Tat Menschen, in zweiter Instanz dann Tiere.

Daraus ergaben sich klare Hypothesen für meine Korpusstudie. Denn wenn ein Gegenstand viele prototypische Glas-Eigenschaften hat, werden Menschen ihn häufiger als Glas bezeichnen als als Tasse. Für ein wenig prototypisches Glas ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Glas dazu sagt zwar wahrscheinlich deutlich geringer, aber nicht gleich 0. Genauso könnte es ja so sein, dass schwache Substantive öfter in starken Formen benutzt werden, wenn sie weniger prototypische Eigenschaften haben – und weniger oft, wenn sie sehr prototypisch im Sinne der o.g. Merkmale sind. Das müsste man in Korpusdaten messen können, wenn die Prototypentheorie und Köpcke (1995) plausible theoretische Annahmen gemacht haben.

3. Wie variiert die Flexion der schwachen Substantive?

Für die Korpusstudie habe ich 451 verschiedene Substantive automatisch aus dem DECOW-Korpus von Felix Bildhauer (inzwischen beim IDS Mannheim) und mir extrahiert und betrachtet. Es kamen 926,450 schwach und 26,667 stark deklinierte Formen dieser Substantive vor. Insgesamt sind nur 2.8% stark flektiert. Das heißt, dass die schwachen Substantive im Prinzip eine stabile Klasse sind, die nicht Gefahr läuft, sich komplett den starken anzugleichen. Mit anderen Worten: Es findet hier kein genereller Sprachwandel statt, wahrscheinlich gerade weil die schwachen Substantive eine überwiegend gut definierbare Klasse bilden, die mit phonologischen und semantischen Merkmalen assoziiert ist.

Mit einem statistischen Verfahren habe ich im Detail herausgefunden, dass die seltenen Übergänge in die starke Flexion tatsächlich von den bereits durch Köpcke ermittelten prototypischen Merkmalen abhängt. Das Ergebnis zeigt, dass die oben genannten drei Gruppen (erstens Typ Matrose, zweitens Typ Artist, drittens Typ Bär) abnehmend prototypisch sind, und dass innerhalb der Gruppen Bezeichner von Menschen jeweils prototypischer sind. Abbildung 3.4 aus dem Artikel:

weaknouns_result

Wie genau die Zahlen zustande kommen, ist hier nicht so wichtig. Je kleiner die Zahl, desto geringer ist jedenfalls im Korpus die Häufigkeit der starken Formen für die Unterklasse der schwachen Substantive, zu denen das Beispielwort gehört. Es heißt deutlich seltener dem Matrose als dem Bär. Dieses Ergebnis entspricht Köpckes vorhersagen, ist nur um Einiges genauer. Außerdem konnte ich in dem Artikel zeigen, dass im Genitiv die Tendenz zur starken Form (also des Linguist-s statt des Linguist-en) deutlich schwächer ist als im Akkusativ und Dativ. Die von mir vorgeschlagene Erklärung führt hier zu weit, uns es muss dazu der Artikel hinzugezogen werden.

Zusammengefasst: Der Übergang von den schwachen Substantiven in die starke Flexion ist umso wahrscheinlicher, je weniger prototypisch ein Substantiv für die Klasse der schwachen Substantive ist. Das bestätigt die Vorhersagen der Prototypentheorie, dass die Klassenzugehörigkeit von Wörtern nach Ähnlichkeiten organisiert ist und sich Unschärfen bzw. Überlappungen ergeben können. Zweifelsfälle sind wie immer also eher eine Quelle linguistischer Erkenntnis als Zeichen von Sprachverfall oder Sprachdummheit. Als Übung sollte man darüber nachdenken, wie hier eigentlich genau die Frage zustandekommt. Und vielleicht sogar, was die am besten bewertete Antwort motiviert haben könnte, die zunächst natürlich absurd klingt.

Literatur

Köpcke, Klaus-Michael. 1995. Die Klassifikation der schwachen Maskulina in der deutschen Gegenwartssprache – ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit der Prototypentheorie. Zeitschrift für Sprachwissenschaft 14(2). 159–180.

Schäfer, Roland. 2015 (neu eingereicht nach Überarbeitung). Prototype-driven alternations: The case of German weak nouns. [Entwurf]

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