Phonologie der Affrikaten

Ulrike Sayatz wies mich darauf hin, dass ich in meinem Beitrag zur Aussprache der Affrikaten im Deutschen zwar über den phonologischen Status der Affrikaten rede, aber nicht ganz klar wird, warum sie nun jeweils ein zugrundeliegendes Segment („Phonem“) sein sollen (statt zwei). Deshalb hier etwas ausführlicher meine Position dazu. Es ist ein fortgeschritteneres Thema – man sollte Kapitel 4 von EGBD gelesen haben.

Ein Segment in der Phonologie soll nicht weiter segmentierbar sein. Es verhält sich also phonologisch wie eine nicht trennbare Einheit. Das ist Teil der Definition eines Segments und keine empirische Vorhersage. Wir können also einfach überprüfen, ob die Definition auf /ps/, /ts/ und /tS/ zutrifft. (Ich benutze /S/ für den sch-Laut, um IPA-Zeichen aus Kompatibilitätsgründen zu vermeiden.)

1. Positionen und Einschränkungen

Wo treten die Affrikaten also auf, und sollte man sie an diesen Positionen weiter unterteilen? Ich nehme jetzt einfach die orthographischen Varianten der entsprechenden Wörter und beschränke mich zunächst auf den Kernwortschatz und den wunderbaren deutschen Einsilbler.

  1. /pf/ : klapp – Fass – Napf / pack – Sack – Pfand
  2. /ts/ : platt – nass – Platz / Tank – Sack – Zank
  3. /tS/ : platt – rasch – Matsch / Tank – Sack – *

Im Prinzip stehen die Affrikaten also an den Positionen, an denen auch Plosive und Frikative stehen, mit der bekannten Ausnahme, dass /tS/ im Kernwortschatz nicht am Wortanfang steht, im Nicht-Kernwortschatz aber schon (tschechisch usw.).

Das heißt zunächst noch nichts, denn es könnte sich dann immer noch um zwei Segmente handeln. Allerdings zeigt die Betrachtung von Wörtern wie Napf, Platz und Matsch, dass das vermeintliche zweite Segment (der Frikativ) in einer Position steht, in der die jeweils anderen Laute seiner Klasse nicht auftreten. Die Wörter mit Stern * sind nicht einfach nur nicht existent, sie können vielmehr keine deutschen Wörter sein (auch wenn es entsprechenden dialektal bzw. lehnwortlich gefärbten Nicht-Kern-Wortschatz gibt, z.B. im Namen Tropsch):

  1. Napf – *Naps – *Napsch
  2. Platz bzw. Platsch – *Platf

Das gleiche gilt im Anlaut:

  1. Pfand – *Psand – *Pschand
  2. Zank – *Tfank (im Kernwortschatz auch nicht *Tschank)

Die Verteilung dieser hypothetischen Frikative nach Plosiven ist also eingeschränkt auf die Position nach den homorganen Plosiven, und es gibt keine systematische Alternation mit anderen Frikativen. Das alleine reicht schon, diese Frikative als nicht eigenständig zu behandeln und damit die Affrikaten als jeweils ein (wenn auch komplexes) Segment zu betrachten. Hinzu kommt, dass umgekehrt die Plosiv-Bestandteile auch nicht austauschbar sind – also wieder keine Kontraste gebildet werden können:

  1. Pfand – *Kfand – *Tfand
  2. Zank – *Ksand – *Psand

1.1 Kleine Vertiefung zu /r/ und /l/

Im Anlaut könnte man vermuten, dass zumindest bei /ps/ und eingeschränkt bei /ts/ eine Alternation des Frikativ-Bestandteils mit /r/ und /l/ vorliegt, also:

  1. Pfand – Pracht – platt
  2. Zank – Tracht – *Tlacht

Allerdings bilden /r/ und /l/ eine besondere Klasse, die manchmal auch an der phonetischen Realität vorbei (aber nicht ohne Grund) phonologisch als Liquide bezeichnet wird. Diese sind die einzigen, die nach anlautenden Plosiven oder Frikativen in der Silbe des Kernwortschatzes auftreten können, wobei /l/ nach /t/ zusätzlich ausgeschlossen ist:

  1. Klinke – *Tlacht – Platz – Schloss – Fluss
  2. Krach – Trank – Pracht – Schrank – Frau

Die Liquiden sind also eine eigene Gruppe, die nahezu nach allen Plosiven stehen kann. Und – wichtig – diese kann eben auch nach Affrikaten noch folgen. Allerdings gilt das nur mit Einschränkungen, wie man sieht:

  1. Pflanze – *Zlanze
  2. Pfründe – *Zründe

Zusatzaufgabe: Wie ist es mit /l/ und /r/ in der Coda? Könnte man in der Coda vor Plosiven evtl. auch überlegen, ob Frikative wie /s/ und /f/ (in Hast oder Haft) die gleiche Positionen einnehmen wie /l/ und /r/ (in Halt oder hart)? Das ist eine kompliziertere Frage, als man denkt!

2. Silbenstruktur

Bezüglich der Silbenstruktur fällt auf, dass Wörter wie Napf am rechten Rand die Sonoritätskontur verletzen würden. Als bekannte Ausnahmen nehmen wir bisher /S/ im Anlaut wie in Sp und Stimme und /s/ im Auslaut wie in Raps an. Als einzelnes Segment würde /f/ wie in Napf die Anzahl der Ausnahmen (unnötig, wie weiter oben gezeigt wurde) erhöhen. Universell findet man außerdem nur /s/- und /S/-Laute in dieser besonderen Position an den Silbenrändern. Durch die Annahme, dass die Affrikaten ein (und nicht zwei) Segment sind und daher auch nur genau eine Position in der Sonoritätskontur besetzen, verhindern wir also unnötige Annahmen von Verletzungen der Silbenkontur.

Zusatzaufgabe: Wie sind Kodas der Wörter nichts, (des) Lumps, und qualmts zu beschreiben? Was ist besonders (im Vergleich zu Raps).

Die Silbenstruktur gibt uns noch ein weiteres wichtiges Argument für eine Behandlung der Affrikaten als ein Segment. Die Affrikaten werden nämlich bei der Silbifizierung phonologisch nicht getrennt:

  1. Napf – Nä.pfe (nicht *Näp.fe)
  2. Platz – Plä.tze (nicht Plät.ze)

Die meisten Leser werden jetzt reklamieren, dass man durchaus so trenne, also p-fe und Plät-ze. Naja… das führt uns zur letzten wichtigen Erkenntnis über die Affrikaten. Sie treten nämlich in der Coda prinzipiell nur nach kurzem Vokal auf. Wörter mit langem Vokal und Plosiv oder Frikativ im Auslaut wie Rat und Fraß (mit langem /a:/) gibt es, aber sobald eine Affrikate in der Coda steht, kann der Vokal nicht lang sein. Passend dazu können wir Wörter wie Platz nicht einmal mit einer Dehnungsschreibung lang machen, denn graphematisch ist die Affrikate in der Coda inkompatibel mit einer Dehnungsschreibung *Plahtz oder *Plaatz. Dass wir also in der Schrift Näp-fe trennen, hat genau dieselben Gründe wie die Trennung in Wörtern wie Plat-te.

So, das ist also doch ein bisschen komplizierter geworden… Und das war auch der Grund, warum ich das Thema in dem Audio-Beitrag nicht vollständig besprochen habe. Fragen? Dann bitte einfach die Kommentarfunktion benutzen.

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