Verschiedene Transkriptionen der Diphthonge: Ja, wie denn jetzt?

Aus einigen Einführungskursen, in denen EGBD benutzt wird, höre ich, dass es zu Verwirrungen kommt, weil andere Einführungsliteratur, die ggf. parallel benutzt wird, die Diphthonge anders transkribiert. Es geht dabei eigentlich immer darum, dass der zweite Vokal in den verschiedenen Transkriptionen abweicht, nie der erste. Eigentlich habe ich dazu schon alles gesagt und halte auch alternative phonetische Transkriptionen für den Standard schlicht für falsch. Außer auf mein Gehör vertraue ich dabei auf das Standardwerk zur deutschen Aussprache (Krech et al. 2009). Hier aber nochmal eine Übersicht.

Aus den heutigen Top 25 der Einführungen in die germanistische Linguistik bei Amazon habe ich mal rausgesucht, was so in Einführen alles zu diesem Thema behauptet wird. Pittner (2013) war ausgeliehen in unserer Bibliothek, Habermann (2015) haben wir gar nicht an der FU, und Hall (2011) haben wir nur als Online-Ausgabe, und die Webseite von De Gruyter ging nicht. (Wunderbar!) Unter den verbleibenden lassen sich drei Gruppen ausmachen. Ich lasse in der Transkription jeweils die verschiedenen Notationen für die Bindung (Bindungsbogen über oder unter den Buchstaben oder Reduktionskringel unter dem zweiten Vokalzeichen) weg. Wenn die IPA-Zeichen nicht richtig angezeigt werden, schreib mir bitte unter Angabe von Betriebssystem und Browser.

ai – au – ɔy

Diese Transkription finden Busch und Stenschke (2014: 47) richtig, außerdem Ernst (2011: 63), der sich ausdrücklich auf den Aussprache-Duden beruft, und eben der Aussprache-Duden (S. 35) selber. Im Grammatik-Duden findet man sehr ähnlich aiau und ɔi.

Diskussion: Hier werden gespannte hohe Vokale als zweiter Bestandteil transkribiert. Diese Transkriptionen sind auf jeden Fall phonetisch (zumal als IPA-Transkriptionen) falsch, außer Sprecher haben eine starke schwäbische Färbung. Der zweite Bestandteil wird in standarddeutschen Diphthongen an den zweiten angeglichen und daher – salopp gesagt – nach unten gezogen. Dazu sollte einfach nochmal mein Audio-Beitrag gehört werden. Es kann natürlich sein, dass Autoren diese Transkriptionen aus phonologischen Erwägungen heraus wählen, rein lautlich stimmt es nicht.

aı – aʊ – ɔı

In dieser Gruppe herrscht vergleichsweise Chaos, und Autoren und Autorinnen geben gelegentlich Varianten an, die sich den korrekten Varianten oft annähern, aber diese nie systematisch treffen. Diese Version könnte von vielen bei Pompino-Marschall (2009) abgeschrieben worden sein. Karl Heinz Ramers in Meibauer (2015: 81) beruft sich auch darauf, verweist aber gleichzeitig auf einen Artikel (Ramers 1998: 36f.) von sich selber (den ich nicht recherchiert habe), in dem eine Diskussion der Probleme stehen soll. Bei Fuhrhop & Peters (2013: 28) stehen kommentarlos  und ɔıKessel (2010: 184) vergisst sogar nonchalant das ɔı. Lindner (2014) weist zusätzlich auf die angeblichen Varianten ao und , nicht aber ae (oder ) hin. Pelz (1996: 74) listet die richtigen Transkriptionen ae, ao und ɔø als Varianten, allerdings ohne weiteren Kommentar.

Diskussion: In diesem Fall werden zwar ungespannte hohe Vokale als zweites Glied transkribiert. Solche Aussprachen könnte regional ggf. vorkommen, aber wie ich schon in meinem Audio-Beitrag vorgemacht habe, enden die Diphthonge im Deutschen normalerweise tiefer als auf ı und ʊ, und wir fallen damit in Fremdsprachen in Form eines Akzents auf. Also auch hier: zu hoch! Auch falsch kommt bei dieser Transkription hinzu, dass nach dem runden ɔ der zweite Bestandteil ebenfalls gerundet wird, also y statt ı. Dass Lindner als Varianten ao und angibt, ist besonders seltsam, denn bei ao wird die Absenkung des zweiten Bestandteils korrekt wiedergegeben, aber bei dem Umlaut-Pendant dazu  dann wieder nicht (dann wäre es ja ɔø).

ae – ao – ɔø     bzw.     aɛ – aɔ – ɔø

In diese Gruppe fallen EGBD, das bereits erwähnte De Gruyter Handbuch und das sehr schöne Buch zur Transkription des Deutschen, das ich auch schon in EGBD empfohlen habe, Rues et al. (2009: 16). Außer meinem Buch sind es also zwei Werke von ausgewiesenen Phonetikern mit ausgebildetem Gehör und Kenntnis der vertiefenden Literatur, die sehr differenziert anzugeben in der Lage sind, was sie in welchen Regionen hören. Ich habe wohl jetzt oft genug gesagt, dass ich diese Variante für die angemessenste halte.

Diskussion: In diesen Transkriptionen stehen gespannte oder ungespannte mittelhohe Vokale als Zweitglied. Also wird der Absenkung des zweiten Bestandteils Rechnung getragen. Außerdem wird bei ɔø der zweite Bestandteil korrekterweise als gerundet transkribiert. Als Umlautung von o (wegen der Absenkung) steht natürlich ø und nicht y. Ob ae oder   (ebenso: ao oder ) angemessener ist, hängt von minimalen regionalen und individuellen Schwankungen ab. In Berlin höre ich z.B. eher ae, in Bochum habe ich eher  gehört. Da Bochum die beste Stadt ist, habe ich mich im Buch für diese Variante entschieden.

Was tun?

Wer in einer Klausur z.B. nach Busch und Stenschke oder Meibauer transkribieren muss, dem wird nichts anderes übrig bleiben, als es so hinzuschreiben, wie gefordert. Allerdings sollten Dozenten und Dozentinnen, die germanistische Linguistik unterrichten, ein minimales Gehör für das lautliche Spektrum des Deutschen entwickelt haben und zu solchen Themen ggf. eine eigene Meinung vertreten können. Warum also nicht im Seminar darüber diskutieren? Die natürlich unendlich wichtige Syntax (oder sogar die Semantik) läuft uns schon nicht davon, wenn wir 10 Minuten mehr auf Phonetik verwenden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.