Zweite Auflage jetzt rechtzeitig zum Wintersemester 2016/2017 verfügbar

 

Alles wird besser!

Die zweite Auflage war meiner Ansicht nach nötig. Es gab reichlich Stilistisches zu bemängeln, das mir wahrscheinlich (zumindest mit etwas Distanz zum Text) mehr aufgefallen ist als den meisten anderen Lesern. Daher ist kein Kapitel unangetastet geblieben. Außerdem habe ich die Gliederungsebenen auf eine Tiefe von maximal drei beschränkt. Es gibt also Abschnitte wie 3.2.1, aber nicht mehr 4.3.2.1 oder Ähnliches. Das Layout der Boxen und Vertiefungen wurde von der Designerin von Language Science Press überarbeitet. Die aktuelle Fassung auf GitHub setzt das Design noch nicht perfekt um. Bis auf hier und da einen Millimeter mehr oder weniger stimmt es aber. Das Buch sieht also erheblich besser aus! Am Ende des Posts sind alle wesentlichen inhaltlichen Änderungen aufgelistet. Ein genereller Aspekt der Überarbeitung verdient allerdings besondere Beachtung.

Die Unfähigkeit zur Reduktion

Einige Kollegen und Kolleginnen haben sich die sehr große Mühe gemacht, das Buch teilweise partiell, teilweise vollständig durchzulesen. Einige von ihnen haben sogar damit unterrichtet und wertvolle Rückmeldungen aus der Lehrpraxis gegeben. Die Rückmeldungen waren durchweg wichtig und alle Einwände richtig, so wie schon die Kommentare zur entstehenden ersten Auflage von 2011 bis 2015. Wenn ich nun aber meine eigenen Notizen und Vorhaben für die zweite Auflage sowie die Rückmeldungen der Kollegen und Kolleginnen zusammennehme, entsprachen – eindeutige Korrekturen von Fehlern in Sprache, Form, Stil oder Inhalt ausgenommen – alle unsere Vorschläge dem Schema

Thema/Aspekt X müsste/sollte/könnte doch auch noch rein!

Keiner von uns war in der Lage, die Streichung auch nur eines einzigen Themas, Exkurses o.Ä. vorzuschlagen. Immerhin ist EGBD aber ein Lehrbuch für den Bachelor in Deutscher Philologie (bzw. Germanistik) und inzwischen über 600 Seiten lang. (Die zusätzlichen Seiten im Vergleich zur ersten Auflage gehen allerdings weitgehend auf Kosten des neuen, wesentlich besseren Layouts.) Für eine Kompletteinführung in die germanistische Linguistik in einem Semester (auch vierstündig) ist es daher bereits jetzt schon nur noch geeignet, wenn man Schwerpunktsetzungen vornimmt. Das weitere Aufpumpen des Buches mit Details ist also nicht nötig, denn als didaktisierter neuer Grundriss taugt es von der Anlage her nicht, und es würde deswegen auch immer gegen ihn verlieren.

Was also in der BA-Logik seit Jahren angelegt ist – das stark reduzierte exemplarische Lernen – ist ganz offensichtlich bei uns Dozenten und Dozentinnen noch nicht ganz angekommen… zumindest in meiner kleinen Stichprobe, innerhalb derer ich zugegebenermaßen ganz vorne stehe, was diese Unfähigkeit angeht. Man könnte jetzt reichlich darüber diskutieren, ob exemplarisches Lernen wirklich erstrebenswert ist, und ob das asiatische (bzw. im gegenwärtigen Fokus der Öffentlichkeit vor allem das chinesische) Bildungssystem nicht eigentlich doch viel besser und eigentlich auch gar nicht so schlimm ist. Oder doch schlimm? Vielleicht gibt es sogar grundlegende Bedenken? Und wird der Nürnberger Trichter demnächst eigentlich in den Pekinger Trichter (oder Beijing Funnel) umbenannt? Eine verdammt komplizierte Welt! In fünf bis zehn Jahren, wenn China zu einem normalen Industrieland „abgestürzt“ ist, ist dieser Vergleich sowieso vom Tisch, und bis dahin wird sich in Deutschland an der Konzeption des Bachelor-Studiums nicht viel geändert haben. Ganz ohne Gedanken um die „Globalisierung“  können wir uns also zurücklehnen und überlegen, wie wir unterrichten wollen und können. Wenn ich meine nicht geringe Lehrerfahrung zugrundelege, hätte nahezu immer eine Reduktion das Unterrichtserlebnis für alle Beteiligten verbessert. Vor allem, wenn es uns darum geht, eine bestimmte Art zu lehren, über Grammatik nachzudenken, dann reicht ein didaktisch reduzierter Stoff genauso gut. Natürlich sind für die linguistische Theoriebildung ganz viele Themen ganz wichtig, aber das Gros der Studierenden sind eben nicht die Linguistik-Doktoranden und -Doktorandinnen der Zukunft.

Zum Glück kann man EGBD kapitelweise benutzen. Vor allem die fünf großen Teile sind ideal isoliert zu verwenden. Es ist also nach wie vor ein tolles Buch für das Bachelorstudium! Um die selektive Benutzung noch weiter zu vereinfachen, finden sich jetzt Zusammenfassungen als Boxen nach jedem Abschnitt der zweiten Gliederungsebene (Abschnitt 2.1 oder 3.6 usw.) und nicht mehr am Ende der Kapitel. Für einsemestrige Kurse, die einen breiten Überblick geben sollen, kann eine Seminarplanung auf Basis von EGBD aber trotz allem eng werden. Daher würde ich gerne parallel zur dritten Auflage einen auf 250 Seiten eingedampften Fork veröffentlichen. Neben allen Vertiefungen würden die Kapitel 6 (Morphologie) und 13 (Relationen) komplett oder nahezu komplett wegfallen. Eventuell müsste auch die Graphematik (Kapitel 14 und 15) dran glauben. Starke Kürzungen gäbe es in Kapitel 1 (Grammatik), 2 (Grundbegriffe), 4 (Phonologie), 7 (Wortbildung) und 10 (Konstituentenstruktur). Kapitel 3 (Phonetik) würde weitgehend durch Audiomaterial ersetzt, das die artikulatorische Phonetik besser als ein Buch vermitteln kann. Die Motivation der nominalen und verbalen Merkmale in Kapitel 8 und 9 würde gestrichen, ebenso allzu komplizierte Phänomene der Satzsyntax in Kapitel 12 (z.B. freie Relativsätze). Lediglich bei der Beschreibung der Phrasen (Kapitel 11) sehe ich wenig Streichpotential.

Die meisten Kollegen und Kolleginnen, die das jetzt gelesen haben, werden wahrscheinlich genau denselben Reflex wie ich verspürt haben.

Das ist doch alles wichtig! Das kann man doch nicht streichen!

Naja, exemplarisches Lernen eben. Reduktion usw. Siehe oben! Nicht alles, was uns wichtig ist, wollen und müssen Studenten und Studentinnen auch lernen. Zumal, wenn aus ihnen keine Linguisten und Linguistinnen werden. Ich würde sehr gerne Rückmeldung zu diesem Plan bekommen, und zwar von allen Beteiligten, also auch Studenten und Studentinnen. Also twittert, emailt, kommentiert bitte! Das Buch und der potentielle Fork sind nicht nur OpenAccess, sondern können aktiv durch die Community geformt werden, wenn diese sich auch an der Diskussion beteiligt.

Anhang: Liste der Änderungen an EGBD (1. zu 2. Auflage)

Stilistische Änderungen, Änderungen der Gliederung usw. gab es in allen Kapiteln. Hier werden nur wesentliche inhaltliche Änderungen aufgelistet. Reine Korrekturen von eindeutigen inhaltlichen Fehlern werden nicht aufgeführt.

Kapitel 1 Grammatik

  • etwas zurückgenommene systemlinguistische Argumentation in 1.1.1 und 1.1.3
  • neue Diskussion von Kern und Peripherie in 1.1.5
  • gestraffte Argumentation in 1.2.1 – 1.2.3
  • neuer Abschnitt zur Empirie 1.2.4

Kapitel 4 Phonologie

Das Kapitel wurde nahezu komplett neu geschrieben, vor allem 4.2. Die Liste wird daher der Menge der „Änderungen“ nicht gerecht, weil jetzt ein vollständig anderer phonologischer Ansatz vertreten wird.

  • pseudo-formale Beschreibungen von phonologischen Prozessen entfernt
  • generative Merkmalstheorie entfernt
  • Gespanntheit nicht mehr als ATR definiert, sondern wie z.B. bei Eisenberg als eher abstraktes Merkmal
  • vollständig überarbeitete Silbenphonologie (4.2), jetzt mit Silbengelenk

Kapitel 5 Wortklassen

  • mehr erklärender Fließtext zu den einzelnen Wortklassen in 5.3

Kapitel 7 Wortbildung

  • neue Diskussion der Valenzänderungen bei präfigierten Verben in 7.3.3
  • neue Vertiefung zu Rückbildung und Univerbierung (ganz am Ende, ca. Seite 250)

Kapitel 9 Verben

  • Umbenennung von Ablautstufen in Vokalstufen, um Zusammenstoß mit der diachronen Terminologie zu vermeiden (9.2.1)

Kapitel 10 Konstituentenstruktur

  • Fragetest entfernt, weil Studierende damit am meisten Probleme haben (10.2.1)

Kapitel 14 Phonologische Schreibprinzipien

  • erweiterte Diskussion zum Status der Graphematik in 14.1.1
  • Anpassung der Diskussion der Schärfungsschreibungen an die Tatsache, dass Kapitel 4 jetzt bereits das Silbengelenk einführt (14.3)
  • geänderte Analyse von ß in 14.3.2 (war vorher falsch)
  • Anpassung der Diskussion des Nicht-Kernwortschatzes (14.5) an neuen Abschnitt 1.1.5

Kapitel 15 Morphosyntaktische Schreibprinzipien

  • leicht geänderte Position zu Univerbierungen in 15.1.2 (Anpassung an Vertiefung zu Univerbierungen in Kapitel 7)
  • Entfernung jeglicher Anflüge von Argumentation nach Bredel (2008, 2010) in 15.2; Kommas jetzt eher nach Primus (1993) analysiert
  • stark veränderte, klarere Argumentation zu unabhängigen graphematischen Sätzen in 15.2.2

 

2 Kommentare zu “Zweite Auflage jetzt rechtzeitig zum Wintersemester 2016/2017 verfügbar

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