Ich wurde um Lösungen für die Übungen Kapitel 7 gebeten. Hier sind einige Hinweise.

Übung 3 (Seite 220)

Die Affixe sollen abgetrennt und nach Flexion bzw. Wortbildung getrennt werden. Bei den Wortbildungsaffixen sollen die überschriebenen, gelöschten oder hinzugefügten Merkmale benannt werden. Hier werden nur mit Flexionsaffixe und mit : Wortbildungsaffixe vom Stamm getrennt. Mit . werden Bestandteile von Komposita voneinander getrennt. (Siehe Kapitel 8.) Die Merkmale werden nicht angegeben. Wie bei Aufgabe 2 werden Stamm-Ablaut und Stamm-Umlaut markiert. Über die Markierungsfunktionen und die Merkmale sollten sich die Leser*innen wirklich selber Gedanken machen.

  1. Sie hat die Torchance [ver:sieb-t].
  2. Wir haben das Mehl [ge-sieb-t].
  3. Man dachte, dieses Schiff könne nie [unter:geh-en].
  4. Ein rechtes [Un:wetter] zieht über Schweden.
  5. Hast du schon [be:zahl-t]?
  6. Hat jemand die Brötchen [ge-zähl-t]?
  7. Haben wir den Bericht schon [ge-schrieb-en]A?
  8. [Ge-schrieb-en-es]A lebt länger.
  9. Die braune Gefahr [über:zieh-t] Europa.
  10. Das [un:zufrieden-e] [Ge:nörgel] reicht mir jetzt.
  11. [Wölk:chen]U ziehen am Himmel.
  12. Unsere [Fuß.ball:er:inn-en] verdienen mehr [Auf:merk:sam:keit].

 

Edit am 17. Juni 2020:

  • Ersetzung von / durch : Achtung! Einige der Wortbildungspräfixe i.w.S. sind trennbar und damit eigentlich sogenannte Verbpartikeln. In späteren Kapiteln werden diese mit = statt : abgetrennt.
  • Ablaut bei Geschriebenes und -t bei bezahlt ergänzt.

8 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Schäfer,

    vielen Dank für die Lösungen. Ich habe allerdings ein paar Fragen hierzu.
    Mir ist nicht ganz klar, warum bei dem Wort bezahlt das ein Wortbildungsaffix sein soll [be/zahlt]. Bei dem Wort gibt es doch durch das Präfix keine Änderung eines statischen Merkmals oder irre ich mich? Die Wortklasse bleibt gleich und auch die Bedeutung von und ist doch dieselbe oder? Müsste es sich dann nicht bei dem um ein Flexionspräfix handeln? Auch frage ich mich, ob man nicht noch das -t von dem Wort als Flexionssuffix kennzeichnen müsste.

    Sie haben bei dem Wort [Ge-schrieb-en-es] einen Ablaut markiert, müsste nicht bei dem Wort [ge-schrieb-en] auch ein Ablaut markiert werden?

    Darüber hinaus würde ich gerne wissen, ob Sie nur für diese Übung die Wortbildungsaffixe mittels / dargestellt haben, weil Sie dies in Ihrem Buch anders handhaben.

    Nun habe ich noch eine letzte Frage. Wenn man aus dem Wort , das Wort macht, würde dies dann eine Wortbildung sein, weil sich hierbei das statische Merkmal Genus ändert?

    Über eine Rückmeldung würde ich mich sehr freuen. Bleiben Sie gesund!

    Mit freundlichen Grüßen

    Monique Tiedmann

    1. Liebe Frau Tiedmann, danke für die Hinweise. Ich gehe sie der Reihe nach durch: Bei „be“ in „bezahlt“ ist es komplizierter. Bei be- und allen anderen Verbpräfixen ändert sich normalerweise die Valenz und/oder die Bedeutung, und deswegen behandeln wir sie alle als Wortbilungsaffixe. Immerhin ist die Valenz lexikalisch und damit statisch. Normalerweise hat man also solche Situationen:

      (1)
      a. Ich staune über die Leistungen.
      b. Ich bestaune die Leistungen.

      aber

      (2)
      a. *Ich staune die Leistungen.
      b. *Ich bestaune über die Leistungen.

      Die Valenz von „bezahlen“ ist im Wörterbuch zur Valenz und Distribution deutscher Verben von Helbig und Schenkel verzeichnet (S. 372), für „zahlen“ gibt es leider keinen Eintrag. Ich bin dort alle Valenzmuster von „bezahlen“ durchgegangen und finde keins, das nicht auch mit „zahlen“ geht. Daher muss man hier be- als wortbildend klassifizieren, weil be- sonst auch immer wortbildend ist. Man möchte bei solchen Affixen für alle Verwendungen einheitlich definieren, ob sie wortbildend oder flektierend sind. Wahrscheinlich gibt es aber Gebrauchstendenzen, wann „zahlen“ und wann „bezahlen“ verwendet werden. Diese kann ich aber nicht aus der Intuition abschätzen. Einige vertiefende Überlegungen folgen in einer weiteren Antwort.

      Man muss zusätzlich berücksichtigen, dass die strenge Definition von Wortbildung anhand statischer Merkmale zwar m.E. sehr gut ist, aber nicht immer hundertprozentig funktioniert. Im Buch werden noch andere Kriterien aufgelistet, die man prüfen könnte. Zum Beispiel kann man Flexion typischerweise immer auf fast alle Wörter einer Klasse anwenden. Alle Verben haben z.B. Personal-Numerus-Formen. Aber nicht jedes Verb kann mit be- abgeleitet werden, z.B. *bekaufen, *beglauben, *bewünschen usw. Gegenüber der Flexion ist be- also erheblich eingeschränkt, was typisch für Wortbildung ist.

      Die Abtrennung des -t und den Ablaut bei „geschrieben“ habe ich in der Tat nur vergessen. Ich korrigiere das gleich im Beitrag.

    2. Als vertiefende Überlegung zu „zahlen“ und „bezahlen“ hätte ich noch Folgendes: In dem folgenden Satzpaar habe ich die Intuition, dass die semantischen Rollen des Objekts unterschiedlich sind.

      (2)
      a. Ich zahle den Taxifahrer.
      b. Ich bezahle den Taxifahrer.

      In (2a) scheint der Taxifahrer das Bezahlte zu sein, in (2b) habe ich zumindest alternativ die Lesart, dass er der Empfänger der Bezahlung für das Bezahlte ist. Entsprechend habe ich folgende Akzeptabilitätsurteile.

      (3)
      a. *Ich zahle den Taxifahrer für die Fahrt nach Charlottenburg.
      b. Ich bezahle den Taxifahrer für die Fahrt nach Charlottenburg.

      Damit wäre die Valenz der beiden Verben doch verschieden, vor allem wenn man die semantischen Rollen mit der Valenz verknüpft. Dazu gibt es mehr in Kapitel 14. Aber das * in (3a) könnten einige anzweifeln bzw. den Satz doch akzeptabel finden.

      1. Ich finde, dass 3a) durchaus akzeptabel ist, wenn man dieselbe semantische Rolle des Taxifahres in der Lesart voraussetzt. Dabei stelle ich mir ein Setting aus zwei Personen im Gespräch vor, wo einer dem anderen anbietet, dass er für die Fahrt (mit dem Taxi) nach Charlottenburg zahlt. Eine Fahrt kann man zahlen. Betrachtet man „den Taxifahrer“ aus 3a) nun nicht als Person und Empfänger der Leistung, sondern als Stellvertreter für die Leistung, die man eng mit ihm verknüpft, bleibt die Verwendung in 3a) genauso akzeptabel wie in 2a).

        Meine Empfindung der unterschiedlichen semantischen Rollen beider Wörter deckt sich mit Ihrer, sodass ich auch Wortbildung annehmen würde.

        1. Author

          Hallo und danke für den Kommentar! Ja, das kann ich nachvollziehen. Wir haben hier ein generelles Problem bei der Beurteilung solcher Lesarten und der Grammatikalität von Sätzen. Man müsste eigentlich sagen, dass unter einer bestimmten Rollen- und Situations-Lesart der Satz nicht angemessen ist. Usw. Das ist schwierig als Evidenz für oder gegen etwas.

          Aber bei be- ist eben generell zu entscheiden, ob es Wortbildung oder Flexion ist. In „begehen“ und „bezahlen“ usw. be- mal so und mal so zu klassifizieren, brächte uns nicht weiter.

          Außerdem muss man noch bedenken, dass „bezahlen“ nicht produktiv gebildet wird, sondern ein historisch gewachsenes Wort ist, bei dem das Präfix be- offensichtlich kaum noch eine erkennbare Funktion hat. Dass man nur schwer entscheiden kann, ob eine Bildung synchron/produktiv ist oder lediglich das Produkt einer diachronen Entwicklung, ist ein Grundproblem in der Wortbildungslehre. Ich widerspreche daher immer Kolleg*innen, die mir erzählen wollen, dass Wortbildung besonders einfach und übersichtlich und geeignet zur Einführung sei. In der synchronen Grammatik ist Wortbildung ziemlich schwierig und methodisch problematisch.

    3. Schließlich noch die Frage nach „dem Wort“ und „das Wort“. Das sind beides Formen des Neutrums. Der Artikel und das normale Pronomen gehen im Dativ sowohl beim Neutrum als auch beim Maskulinum auf -m. Da ändert sich also am Genus nichts.

  2. Bei Nummer 6 müsste es sich um einen Umlaut handeln – richtig?

    1. Author

      Danke für den Kommentar. Sie sprechen damit ein interessantes Problem an: Bei Nr. 6 „ge-zähl-t“ handelt es sich genau dann um einen Umlaut, wenn wir von dem Substantiv „Zahl“ oder dem anderen Verb „zahlen“ ausgehen. Davon könnte man dann das Verb „zählen“ mit Umlaut ableiten. Allerdings ist diese Bildung nicht mehr produktiv (s. Kapitel 8 zu Produktivität in der Wortbildung), und historisch war hier wohl ein etwas anderes Phänomen als der normale Umlaut am Werk. Wenn wir nur von dem bereits gebildeten Verb an sich ausgehen, hat es in allen seinen Formen den umgelauteten Stamm „zähl-„. Deswegen habe ich das nicht als Umlaut markiert. Das illustriert ganz gut, dass nicht jedes Wort mit ä, ö oder ü einen synchronen Umlautprozess zeigt. Die Schul-Terminologie verschleiert das, indem sie das Wort „Umlaut“ ohne jeden Erkenntnisgewinn als „Vokalzeichen mit Doppelstrich drüber“ definiert.

      Ich hoffe, diese Erklärung kommt Ihnen plausibel vor.

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