In der dritten Vorlesung (zur segmentalen Phonologie) argumentiere ich dafür, dass wir den Glottalplosiv [ʔ] als automatisch (regelhaft) einsetzbar ansehen und daher zugrundeliegend nicht spezifizieren. In diesem Zuge sage ich auch, dass man aus allgemeinen Gründen der Redundanzfreiheit auch einen beliebigen anderen statt [ʔ] weglassen könnte. In diesem mittelschweren Beitrag diskutiere ich, warum das nicht funktionieren würde. Bitte machen Sie sich komplett von der Orthographie frei, bevor Sie über dieses Phänomen nachdenken! Wenn Sie die Argumentation verstanden haben, erkennen Sie dann allerdings, warum ausgerechnet [ʔ] nicht verschriftet wird.

 

 

Das Gedankenspiel: Könnte man auch einen anderen Konsonanten als [ʔ] aus den zugrundeliegenden Formen eliminieren?

Auf den Folien stehen die Beispiele in (1) – (3).

(1) an [ʔan], dann [dan], kann [kan], ran [ʁan], wann [van], Mann [man], Bann [ban]

(2) ohne [ʔoːnə], Bohne [boːnə], lohne [loːnə], Zone [t͡soːnə], Phone [foːnə], Mohne [moːnə], Sone [zoːnə]

(3) ehrt [ʔe͡ɐt], wehrt [ve͡ɐt], lehrt [le͡ɐt], kehrt [ke͡ɐt], teert [te͡ɐt], gehrt [ge͡ɐt], Herd [he͡ɐt]

Es gilt, dass phonetisch im Deutschen keine Wörter  — und keine betonte Silben im Wortinnern — ohne Konsonant im Anfangsrand existieren. Die Beispiele in (1)–(3) illustrieren dies.

Um die Wörter in (1) – (3) zu unterscheiden, könnten wir aber zugrundeliegend entweder [ʔ] oder [b] oder [d] (etc.) weglassen. Die Wörter in den jeweiligen Reihen in (1) – (3) wären also immer noch unterscheidbar. Zum Beispiel könnte (4) oder (5) zugrundeliegend für (1) angenommen werden.

(4) /ʔan/, /dan/, /an/, ran /ʁan/, /van/, /man/, /ban/ (hypothetisch!)

(5) /ʔan/, /dan/, /kan/, ran /ʁan/, /van/, /an/, /ban/ (hypothetisch!)

In (4) wurde /k/ eliminiert und in (5) /m/. Damit die Formen in (4) angemessen bleiben, müsste eine Regel eingeführt werden, die [k] im Anfangsrand ergänzt, wenn dort sonst nichts steht. In (5) bräuchte man eine ähnliche Regel für [m]. Die Idee hier ist, dass man genau einen Konsonant in einer mehrfachen Opposition unspezifiziert lassen und automatisch einsetzen kann. So etwas passiert auch im sogenannten normalen Leben. Nehmen wir an, eine Kaffeemanufaktur im Prenzlauer Berg verkauft Cappuccino in verschiedenen Varianten. Es gibt (i) Cappuccino mit Sojamilch, (ii) Cappuccino mit Reismilch, (iii) Cappuccino mit Mandelmilch und (iv) Cappuccino mit Kuhmilch (alle vier in Bio-Qualität, fair gehandelt und klimaneutral geröstet und zubereitet). Der Cappuccino wird also in diesem Etablissement in einer vierfachen Opposition angeboten. Wenn wir nun zu de*r Barista sagen, wir hätten gerne einen Cappuccino, bekommen wir wahrscheinlich den mit Sojamilch, weil dieser als der Normalfall angesehen wird. Die anderen drei Sorten müssen wir ausdrücklich als Cappuccino mit Reismilch usw. bestellen.Von einer vierfachen Opposition (Soja, Reis, Mandel, Kuh) ist also ein Fall (Soja) als der automatisch ergänzbare Fall eliminiert worden und kann unspezifiziert bleiben. Es ist dabei völlig egal, welcher Fall das ist. Dass in einem Traditionscafé in Dahlem wahrscheinlich die Kuhmilch der automatisch ergänzbare Fall ist (auch wenn dieses Café wegen der vielen Student*innen der FU die gleichen vier Arten von Cappuccino anbietet), zeigt, dass es egal ist, welchen konkreten Fall man eliminiert.

 

Warum funktioniert das nicht?

Ich nehme die Variante in (4) für die weitere Argumentation. Dabei eliminieren wir /k/ aus den zugrundeliegenden Formen und fügen [k] über eine Regel ein, wenn kein zugrundeliegender Konsonant für den Anfangsrand vorhanden ist. In diesem Gedankenspiel würde das mit den Einsilblern in (1) und den zugrundeliegenden Formen aus (4) dazu prima funktionieren. Aber es sprechen mindestens zwei Gründe (bzw. ein Grund in zwei Ausprägungen) dagegen. Der Grund ist – wie üblich in der Phonologie – die Verteilung der betreffenden Konsonanten. Was hier für [k] im Vergleich zu [ʔ] gezeigt wird, trifft mehr oder weniger auch auf alle anderen Konsonanten zu.

 

1. [k] hat im simplexen Anfangsrand eine zu wenig eingeschränkte Verteilung.

Im tatsächlichen (nicht-hypothetischen) Deutschen wird [ʔ] am Wortanfang (s. 6) unabhängig von der Betonung und in betonten Silben im Wort (s. 7) eingesetzt.

(6) Automat [ʔa͡ɔ.to.ˈmaːt] aus zugrundeliegend /a͡ɔtomat/

(7) Chaot [ka.ˈʔoːt] aus zugrundeliegend /kaot/

Vor unbetonten Vokalen im Wort bleibt die Silbe nackt (= ohne Konsonant im Anfangsrand) wie in (8). Es wird kein [ʔ] eingefügt.

(8) Chaos [ˈka.ɔs] aus zugrundeliegend /kaɔs/

Für die hypothetische [k]-Einfügung gilt das nicht. Es gibt [k] in allen Kontexten. (9) zeigt wortinitiales [k] sowie [k] vor unbetonter Silbe im Wort. (10) zeigt [k] vor betonter Silbe im Wort.

(9)  Kakophonie [ka.ko.fo.ˈniː]

(10) Mitochondrien [mi.to.ˈkɔn.dri.ən]

Wenn wir also zugrundeliegendes /k/ statt /ʔ/ eliminieren und eine (angesichts von 9 und 10 scheinbar angemessene) Regel einführen „In den Anfangsrand jeder nackten Silbe wird [k] automatisch eingefügt.“ dann müsste in Chaos als /aɔs/ repräsentiert sein und zunächst zu [ˈa.ɔs] silbifiziert und akzentuiert werden, um dann durch die [k]-Einfügungsregel zu *[ˈka.kɔs] ergänzt zu werden. Das wäre offensichtlich nicht angemessen, weil das Wort nicht so ausgesprochen wird. Die stark eingeschränkte Verteilung von [ʔ] ist also die Hauptmotivation dafür, auf zugrundeliegendes [ʔ] und nicht etwa einen anderen Konsonanten zu verzichten.

 

2. [k] tritt in komplexen Anfangsrändern auf.

Es kommt hinzu, dass [ʔ] niemals in komplexen Anfangsrändern auftritt. Es gibt Wörter wie (11), aber nicht (12).

(11) Knack [knak]

(12) *[ʔnak]

Das ist ein weiterer absolut hinreichender Grund, nicht /k/ zugrundeliegend zu eliminieren, sondern den Glottalplosiv. Dasselbe gilt für alle anderen Konsonanten wie /p/, /f/ usw.  gleichermaßen. [ʔ] hat eine klar eingeschränkte Verteilung und ist offensichtlich das Segment, das nackte Silben in prominenten Positionen (Silbe im Wortanlaut unabhängig von der Betonung und betonte Silbe im Wort) im Deutschen verhindert. Natürlich ist deswegen auch [ʔ] das Segment, das niemals graphisch in der Schrift realisiert wurde.

 

Ich hoffe, das hat etwas gebracht. Fragen bitte in den Kommentaren, per Email, WhatsApp oder in der Sprechstunde.

2 Kommentare

  1. Verständliche Argumentation! Aber spontan fällt mir dazu ein: Es gäbe natürlich andere Konsonanten-Kandidaten, die trotzdem in Frage kämen. Evtl. /j/, aber vor allem /h/! /h/ ist dem Glottisverschluss in Verteilung und Verhalten sehr ähnlich, vor allem wenn auch in sog. Fremdwörtern die eher umgangssprachliche Aussprache angenommen wird.
    Vgl. z.B. Vehikel und vehement: nur im letzteren wird das /h/ gerne eliminiert, ähnlich wie bei [ʔ] in Chaot und Chaos. Bei Überlautung wird zudem neben [ʔ] im Hiat gerne [h] eingefügt (wohl in der Regel in Anlehnung an die Orthografie): vgl. säen und sähen (eben weil beide Laute in dieser Position, zw. betonter Silbe und unbetonter Reduktionssilbe, normalerweise nicht vorkommen). Und /h/ kommt natürlich auch nicht in komplexen Anfangsrändern vor (und natürlich auch nicht im Silbenauslaut). Stellt sich also die etwas kniffligere Frage: warum [ʔ] redundant und nicht [h]?
    (P.S.: Ich habe meine Website mit angegeben, auch wenn sie eine ewige Baustelle ist und nicht so gut gestaltet wie Ihre!)

    1. Hallo und vielen Dank für die sehr interessante Frage. In der Tat haben die glottalen Obstruenten [ʔ] und [h] eine sehr ähnliche Verteilung. Zumindest im Systemkern kommen sie ja im Wortinnern nur Fußinitial (also vor betonter Silbe vor). Ich denke da nochmal drüber nach und lege in den nächsten Tagen mit einem weiteren Beitrag nach. Spannende Frage…

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